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Die Huegel am Meer

Gestern Abend wurde es mangels rechtzeitigem Eintreffen am Theater (hatte die Bus-Fahrtzeit wohl ein wenig unterschaetzt) nichts mit der Drei-Groschen-Oper auf Spanisch, aber dafuer goennte ich mir in einem italienischen Restaurant an der Plaza Nuñoa eine leckere Portion Tiramisu und zwei wirklich kreative Fruchtsaft-Mixgetraenke (z. B. Organgen- + Zitronensaft + Bienenhonig). Einfach wundervoll, wenn man auch abends um zehn noch im Freien sitzen kann - das werde ich in den naechsten Monaten im saechsischen Winter bestimmt vermissen.

Heute frueh (und ich meine WIRKLICH frueh: 7 Uhr) ging es los in Richtung Kueste. Als erstes Stand Valparaiso auf dem Programm. Knapp zwei Stunden brauchte der fast schon luxurioes ausgestattete Bus (mit tollen Kopfhoerern auf jedem Platz, ...) der Firma Tur-Bus (scheint eine der groessten chilenischen Anbieter zu sein) fuer die 120 km hinab bis ans Wasser des Pazifiks.

Dort angekommen war ich erstmal ueberrascht, dass es - anders als in Santiage - gar nicht sonnig, sondern sehr wolkig/neblig/trueb und ein wenig zu kuehl fuers T-Shirt war. Die Frau in der Touristeninformation meinte dazu gleich: Ja, das ist bei uns so, bis zum Mittag bleibt es so und gegen 13 Uhr lichtet sich alles und die Sonne badet den Ort in ihr grelles Licht.

Mit einem Linienbus ging es gleich als erstes zum Haus von Pablo Neruda (siehe Eintrag von gestern), wo ich allerdings noch eine halbe Stunde bis zur Oeffnung um 10:30 Uhr warten musste. Mit wunderbarem Blick ueber die Stadt, das Meer und die vielen Huegel, auf denen Valparaiso errichtet ist, hat er sich auch hier eine wirklich huebsche Bleibe eingerichtet mit Andenken aus der ganzen Welt (und sogar der Idee fuer einen "Landeplatz fuer Hubschrauber und eventuelle Raumfaehren" auf dem Dach das anliegenden Theaters).

Dort traf ich auch eine Schueler-Gruppe aus der Region IX (die Provinzen sind hier sauber von Nord nach Sued lateinisch durchnummeriert, wobei die Hauptstadt Santiago in Region V liegt). Jetzt weiss ich, wie sich die Stars und Sternchen von "Deutschland sucht den Superstar" fuehlen muessen. Auch wenn es in Chile das ganze Jahr ueber gewiss einen Haufen auslaendischer Touristen gibt, so hatte ich bei der Gruppe den Eindruck, das sie mich fuer etwas ganz besonderes hielten - Fotowuensche (selbst der Lehrer wollte eins) und unglaeubiges gekichere. Auf jeden Fall eine schoene Idee, dass sie schon in der Mittelstufe einen Schulausflug zur Erkundung des eigenen Landes unternehmen...

Anschliessend schlenderte ich dann die kurvenreiche Avenida Aleman entlang durch die Huegel, immer mit dem Blick aufs Meer, das mit der Zeit auch immer klarer zu erkennen war. Hier in der ersten chilenischen Hafenstadt, in der auch die Freiheitskaempfer anlandeten, gibt es wohl eine ziemlich umfangreiche deutschstaemmige Gemeinde (u. a. gibt es auch ein Deutsches Krankenhaus und eine Deutsche Evangelische Kirche).

Eine weitere Besonderheit sind das Dutzend Aufzuege (davon nur einer vertikal, die anderen mehr diagonal), die vor gut hundert Jahren eingerichtet wurden, um einfacher auf die ersten Huegel (damals reichte das Wasser noch bis viel naeher an die Huegel heran) zu kommen, weil dort ja der grossteil der Einrichtungen war (nicht etwa um vor dem Wasser zu fluechten) - es passen also immer so 5-20 Personen rein und es bewegen sich immer gleichzeitig eine Kabine von oben nach unten und eine von unten nach oben.


Unten in der Stadt auf der grossen Plaza Sotomayor wurde vor fuenf Jahren bei Bauarbeiten eine alte Kaimauer (oder so aehnlich) entdeckt, teile davon kann man jetzt bewundern - heute ist das Wasser etwa zweihundert Meter weiter entfernt - insgesamt hat der Mensch in Valparaiso einen gut dreihundert Meter breiten Streifen dem Ozean abgerungen. Die Stadt ist gepraegt von ihrem Hafen, an dem heute drei Containerschiffe und ein Kreuzfahrtschiff (Crystal Symphony) ankerten. Deswegen kommt man auch kaum direkt ans Wasser, weil im Prinzip die gesamte Wasserfront von Containern, Kraenen, einer Hafenbahn, einem Trockendock und was weiss ich noch zugepflastert ist. Und leider gibt es auch einige Bausuenden, die teilweise sogar den Blick von den Aussichtsterassen aufs Meer verstellen (wer hat DAS wohl genehmigt???)


Neben dem Hafen ist in Valparaiso (drittgroesste Stadt Chiles) auch die Legislative, sprich das chilenische Parlament untergebracht. In einem ziemlich grossen, torartigen Bau direkt neben dem Busterminal lassen sich mit dem Blick auf das Meer bestimmt besser (oder angenehmer) Gesetze formulieren, als das in der haeufig durch SMOG und Laerm beeintraechtigten Hauptstadt moeglich waere.


Aber ich gleite von meinem Besuch dort ab. Ein leckeres Mittagessen genehmigte ich mir im Color Café, einem keinen, familiengefuehrten Café/Restaurant in der Naehe des Cerro Concepción. Ein kleiner Salat, dann eine Moehrensuppe (in einem Kaffeebecher serviert), als Hauptspeise Kartoffelauflauf mit Hackfleischstueckchen und als Nachtisch Erdbeeren und Bananenstueckchen in Creme - sehr lecker, wie hausgemacht halt (was es ja auch war).


Am Nachmittag besuchte ich dann das Marinemuseum, in dem die Geschichte der chilenischen Marine mit vielen Originalexponaten nachgezeichnet wird. So spielte unter anderem der britische Lord Cochrane eine wichtige Rolle bei der Befreiung von der spanischen Besatzung. Man hat den Eindruck, dass ein kleiner Haufen Chilenen mit auf Ruderbooten montierten Kanonen die spanische Armada besiegt haetten ;-)


Weil mir noch einige Stunden Licht blieben und mein Rueckfahrtticket offen (sowohl zeitlich als auch vom Ort) war, machte ich mich am spaeten Nachmittag dann noch auf den Weg in das ca. 15 Minuten mit dem Bus entfernte Viña del Mar. Hier draengt sich am Strand eine Bettenburg an der anderen, aber insgesamt ist es doch ein huebscher Ort, dessen ganzer Stolz die Blumenuhr ist (bis auf die Zeiger, die tatsaechlich die Uhrzeit anzeigen, ist die ganze Uhr an einem Hang aus Blumenbeeten geformt). Auch ein huebsches (und wohl noch recht neues) Casino samt Hotel faellt ins Auge.


Unter anderem gibt es hier auch eine sehr grosse Freilichtbuehne fuer etwa 20.000 Zuschauer, die vor drei Jahren "in Beton" gegossen wurde. Ich kenne natuerlich den Zustand vorher nicht, aber das Teil ist wirklich schoen gestaltet und schmiegt sich in den Talkessel. Jedes Jahr findet hier ein wichtiges und bekanntes Musikfestival statt (ich weiss nichts genaueres, aber es hoerte sich nach einer Art Gran Prix Suedamerikas an).


Mit Blick auf den pazifischen Ozean genoss ich beim Sonnenuntergang einen einfach goettlichen Brownie-Eisbecher bevor ich mich gegen 20:30 Uhr wieder auf den Rueckweg nach Santiago machte. Von der ganzen Lauferei war ich dann auch so fertig, dass ich fast die ganze knapp zweistuendige Fahrt durchgeschlafen und auch hier in Santiago nur noch einen kurzen (und wenig fruchtbaren) Besuch im Internetcafe vor dem Schlafen gehen eingeschoben habe.


(jetzt macht das Internetcafe zu - mehr spaeter oder morgen ...)

20.11.03 02:54
 


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